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Soziale Medien: Blocklisten sind für Kleingeister

Es gilt als cool, fremde Menschen in sozialen Netzwerken zu blockieren. Man zeigt damit, auf welcher Seite man steht und es bringt einem die wertvollen Herzchen und Daumen, die man so sehr braucht, um sich gut zu fühlen. Je mehr AfD-Trottel, linksgrünversiffte Spinner; je mehr Nazis, Kommunisten oder Schalke-Fans; je mehr Deutschenhasser, Islamophobe oder Kapitalisten man blockt, desto cooler ist man. Das muss natürlich gezeigt werden.

Ich finde das erstaunlich. Auf der einen Seite führen wir Diskussionen um Filterblasen und rechte Trollnetzwerke, die in sozialen Medien politische Parallelgesellschaften schaffen; auf der anderen Seite heimeln wir uns in unserer eigenen politischen Ecke ein. Das tun selbst diejenigen, die im Kampf gegen Online-Paralleluniversen ganz vorne mit dabei sind, weil ihnen einmal jemand ihre Dummheiten nicht durchgehen ließ. Sie sind damit in feiner Gesellschaft: „Boah, den hab ich auch schon gesehen. Direkt geblockt.“ oder „Gestern wieder 12 AfD-Trottel geblockt“ – man kennt das. Umgekehrt lässt es sich wunderbar angeben mit prominenten Twitteraccounts, die einen auf der Blockliste haben, war man dann doch sicher besonders unartig.

Rein technisch ist es etwas anderes, ob man jemanden auf Twitter blockiert oder auf Facebook. Das liegt an den Algorithmen, die im Hintergrund laufen und entscheiden, was wir in unseren Streams zu sehen bekommen. Wo Facebook aktiv Signale auswertet, um uns mit genau den Dingen und Accounts zu bespielen, die uns am ehesten interessieren könnten, spuckt Twitter zumindest weitgehend neutral alle Posts von Accounts aus, denen wir folgen. Es sind unterschiedliche Plattformen, aber beide werben damit, uns vollumfänglich zu informieren und zu unterhalten. Wie stark der technologische Filtereffekt ist, ist dabei egal. Denn selbst eine Plattform mit neutralem Stream, also einer strikt chronologisch geordneten Ansicht an Posts von allen Menschen und Institutionen, denen wir folgen, wäre keine vollumfassende Information. Dafür sorgen wir schon selbst. Genau wie Macho-Ali nicht mit Pegida-Helmut auf eine Shisha in die Nordstadt geht, folgen die moralisch Rechtschaffenden bei Twitter nicht dem Patriarchator – und er ihnen womöglich auch nicht. Wir möchten uns nun einmal zu Hause fühlen.

Auch Idioten haben manchmal einen Lichtblick

Es ist natürlich eine andere Sache, ob ich jemanden blockiere, der mich Halbneger oder Hurensohn nennt, mir Schläge androht oder andere persönliche Linien übertritt, als jemanden zu blockieren, weil er seine aus meiner Sicht dummen Positionen im Internet ablaicht – selbst dann, wenn diese Person dies tourettehaft tut. Man muss sich nicht alles gefallen lassen und auch nicht jede Dummheit muss man sich anhören. Wenn man sich aber für einen aufgeschlossenen Menschen hält, dann sollte man eine gewisse Offenheit gegenüber anderen Positionen an den Tag legen. Denn mit jedem weggeblockten Menschen von „der anderen Seite“ heimelt man sich mehr und mehr im eigenen Safespace ein. Das passt zum Trend, dass sich immer mehr Menschen getriggert und offended fühlen und statt an sich selbst zu arbeiten, lieber die wahrgenommene Realität verbiegen. Psychologen wissen, wie viel Energie Menschen darauf verwenden können, unangenehmen Dingen aus dem Weg zu gehen. Die Frage sollte aber sein: Warum ist es für uns so unausstehlich, die Existenz von Gegenpositionen vor dem Auge zu haben?

Man könnte jetzt sagen, dass man sich Schwachsinn eben nicht antun muss. Das stimmt. Aber die Konfrontation mit Schwachsinn erdet ungemein. Und womöglich steigert sich das Wegblocken von Schwachsinn peu à peu, bis irgendwann auch solche Positionen unerträglicher Schwachsinn sind, die wir uns zwei Jahre zuvor noch angehört hätten – allein der Diskussion wegen und um auszuloten, ob nicht vielleicht wir eine Lücke in unserer Argumentation haben. Gerade die moralisch Rechtschaffenden sollten Gegenwind positiv sehen. Mit Rechten im Netz verhält es sich nämlich wie mit Jan Böhmermann: Auch sie haben zwischendurch ihre Lichtblicke.

 

Dieser Text erschien zuerst auf Ruhrbarone.